{"phaenomen":{"titel":"Agens–Patiens-Shift","phid":"9","author":"Kasper, Simon","kurzbeschreibung":"<p class="bodytext">Beim Agens–Patiens-Shift variiert die Präferenz für eine syntaktische Konstruktion in Abhängigkeit von soziokognitiven Parametern, die die soziale Attribution von Verantwortlichkeit betreffen (vgl. Kasper 2013, 2014, 2015). Die infragestehenden Konstruktionen zeigen sich beispielhaft in den folgenden Sätzen, die der Aufgabe E1_07 entnommen sind:</p><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(1)</span><i> Der Willi hat eins von deinen Gläsern heruntergeworfen.</i>&nbsp;</p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(2)</span><i> Dem Willi ist eins von deinen Gläsern heruntergefallen.</i>&nbsp;</p></div><p class="bodytext">Agentive Konstruktionen mit dem Verursacher im Nominativ – wie in (1) – werden gewöhnlich von Sprechern gewählt, die dem Verursacher eines Ereignisses die Verantwortlichkeit für das Ereignis und dessen Resultate zuschreiben. Patientive Konstruktionen mit dem Verursacher im Dativ – wie in (2) – werden dagegen von Sprechern gewählt, die dem Verursacher des Ereignisses diese Verantwortlichkeit nicht zuschreiben, d.h. ihn von Verantwortlichkeit freisprechen. Da sowohl (1) als auch (2) potentiell gelungene Verbalisierungen desselben Ereignisses darstellen, soll mit den Fragen zu diesem kaum untersuchten Phänomen eine erste Annäherung an die Faktoren versucht werden, die darüber entscheiden, welche sozialen Zuschreibungen Sprecher anhand ihrer Äußerungen vornehmen.</p>","detailbeschreibung":"<p class="bodytext">In unserem Alltag tun wir Dinge, für die wir „etwas können“, z.B. essen und sprechen, und uns widerfahren Dinge, für die wir „nichts können“, z.B. sich verschlucken, stolpern und atmen. Unser soziales Miteinander ist zentral dadurch geprägt, dass wir anderen zuschreiben, ob sie etwas dafür können oder nichts dafür können, was sie tun (vgl. Janich 2001, 2014; Schütz/Luckmann 2003). Dieses Zu- oder Absprechen von Verantwortlichkeit ist typischerweise sprachlich vermittelt. Für eine Vielzahl von Ereignissen, mit denen wir konfrontiert sind, ist allen Beobachtern klar, ob eine involvierte Person dafür verantwortlich gemacht werden kann, was sie tut, oder nicht. Einen Brief schreibt niemand versehentlich; wir nehmen an, dass Briefschreiber immer Gründe und Zwecke für ihr Handeln angeben können (sehr spezielle Fälle wie Schlafwandeln usw. ausgenommen). An einer Garnele verschluckt sich dagegen niemand absichtlich und statt nach Gründen und Zwecken müsste man hier nach Ursachen fragen. Es gibt aber auch „prekäre“ Ereignisse, hinsichtlich derer Beobachter sich häufig uneins darüber sind, ob der involvierten Person Verantwortlichkeit zuzuschreiben ist oder nicht, etwa in bestimmten Situationen, wenn jemand das Herunterfallen eines Gegenstands verursacht. In solchen Fällen steht zur Debatte, ob die Person aus Gründen und auf einen Zweck hin gehandelt hat oder ob ihr Tun ihr bloß widerfahren ist. Denn ob jemand gehandelt hat oder ob jemandem sein eigenes Tun widerfahren ist, ist prinzipiell nicht beobachtbar (vgl. Luckmann 1992: 34–39, Kasper 2015: 123–126). Im Falle des Briefschreibens erscheint das, was der Schreiber tut, aber aufgrund der Komplexität des Vorgangs grundsätzlich kontrolliert, planvoll und zielgerichtet, während dies beim Verschlucken nicht der Fall ist. Prekäre Ereignisse bilden den Grenzfall und an ihnen lässt sich paradigmatisch klären, anhand welcher Kriterien Personen die soziale Attribution von Verantwortlichkeit an andere Personen vornehmen. </p><p class="bodytext">Die deutsche Grammatik verfügt auf Satzebene über bestimmte Konstruktionen, anhand deren solche sozialen Attributionen typischerweise ausgedrückt werden. </p><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(3) </span>agentiv (voll verantwortlich): NP<sub>Nom</sub> - AUX<sub>hab</sub> - NP<sub>Akk</sub> - V<sub>[+/-Ag]</sub><br /><i>Der Willi hat (absichtlich/versehentlich) eins von deinen Gläsern heruntergeworfen.</i></p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(4) </span>patientiv (nicht verantwortlich): NP<sub>Dat</sub> - AUX<sub>sein</sub> - NP<sub>Nom</sub> - V<sub>[-Ag]<br /></sub><i>Eurem Jungen ist (*absichtlich/versehentlich) die Antenne von unserem Auto kaputtgegangen.</i></p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(5) </span>benefaktiv (teilverantwortlich): NP<sub>Nom</sub> - AUX<sub>hab</sub> - NP<sub>Akk</sub> - V<sub>GET<br /></sub><i>Ich habe die Schatulle (mit Mühe/*absichtlich/*versehentlich) aufbekommen.</i></p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(6) </span><i>lassen</i>-Konstruktion (ambig): NP<sub>Nom</sub> - AUX<sub>hab</sub> - NP<sub>Akk</sub> - V<sub>Inf,[-Ag]</sub> - V<sub>LET<br /></sub><i>Der Willi hat (absichtlich/versehentlich) eins von deinen Gläsern fallen lassen.</i></p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(7) </span>antikausativ (neutral): NP<sub>Nom</sub> - AUX<sub>sein</sub> - V<sub>[-Ag]<br /></sub><i>Die Schatulle ist aufgegangen.</i></p></div><p class="bodytext">Mit Strukturen wie (3), die eine NP im Nominativ, eine NP im Akkusativ, ein Auxiliar <i>haben </i>und ein lexikalisches Verb enthalten, das eine agentive Lesart mindestens erlaubt, wird normalerweise volle Verantwortlichkeit zugeschrieben. Aufgrund einer Implikatur, derzufolge humane Verursacher in der Regel als Agenten (= voll verantwortlich) interpretiert werden (vgl. Holisky 1987, Van Valin &amp; Wilkins 1996, Van Valin 2005, Kasper 2015), bekräftigt ein Adverb wie <i>absichtlich</i> die Implikatur bloß, während sie durch <i>versehentlich</i> annuliert werden muss, um zu einer patientiven Lesart zu gelangen. In Strukturen wie (5) mit einem lexikalischen Verb der GET-Klasse (z.B. <i>bekommen</i>, <i>kriegen</i>) enthält die Semantik des Vollverbs einen Aspekt der Konation, der zweckgerichtetes Handeln impliziert, aber auch einen Aspekt der Fähigkeitenskepsis (vgl. Heine 1997, Lenz 2013): Der Versuch der Handlung führt nicht immer zum Gelingen der Handlung. Die involvierte Person könnte somit als teilverantwortlich beurteilt werden: verantwortlich für den Handlungsvollzug, aber nicht voll verantwortlich für das Gelingen der Handlung, das auch noch von weiteren Faktoren außerhalb der Kontrolle des Akteurs abhängt. Mit Strukturen wie (4), die eine NP im Dativ, eine NP im Nominativ, ein Auxiliar <i>sein </i>und ein lexikalisches Verb enthalten, das in der Konstruktion nicht als agentivisch gelesen werden kann, wird der Verursacher invariabel von Verantwortlichkeit freigesprochen. Eine Äußerung wie in (6) erlaubt eine agentive, eine permissive (‘zulassen, dass’), eine patientive und bei belebten Objekten eine Obligationslesart (‘jmd. dazu bringen, etw. zu tun’) und ist daher ohne weitere Explikation ambig. Eine Äußerung wie in (7) verbalisiert nur das Effekt-Glied der Ursache–Effekt-Relation und lässt Fragen der Verantwortlichkeit dadurch offen (daher: „antikausativ“).</p><p class="bodytext">Es gehört zum prozeduralen sprachlichen Wissen von Sprechern, mit welchen Konstruktionen welche sozialen Attributionen vorgenommen werden. In Bezug auf prekäre Ereignisse stellt sich nun die Frage, aufgrund welcher Faktoren Verantwortlichkeit zu- oder abgesprochen wird, denn das Ereignis selbst weist diesbezüglich keine Indikatoren auf. Die Sozialpsychologie hat hier Faktoren isoliert, die den Status von<i> biases</i> haben. Sie beruhen auf möglicherweise irrationalen (aber nicht funktionslosen) Eigenschaften unserer Kognition und aktivieren Stereotype und Vorurteile, wenn sie unreflektiert bleiben (vgl. Moskowitz 2005, Kahneman 2012). Demnach spielt es in einem ersten Differenzencluster eine Rolle, </p><ul><li>ob der Zuschreibende ein Beobachter des kritischen Ereignisses ist oder selbst als Akteur darin involviert ist (vgl. Jones/Nisbett 1971), </li><li>ob der Zuschreibende das Ereignis als Leistung oder Fehlleistung bewertet (vgl. Pettigrew 1979) und </li><li>ob er dem Verursacher gegenüber sympathisch (hohe Empathie) oder antipathisch (niedrige Empathie) eingestellt ist (vgl. Gould/Sigall 1977). </li></ul><p class="bodytext">In Kombination bedingen diese drei Differenzen wiederum ein zweites Differenzencluster (vgl. Moskowitz 2005; Kasper 2015: 162–192), nämlich </p><ul><li>ob das Hervorbringen des Ereignisses auf konstante Charaktereigenschaften (Dispositionen) des Verursachers oder auf variable Faktoren der Situation zurückgeführt wird, </li><li>ob es als zweckgerichtetes Handeln oder bloßes Widerfahrnis bewertet wird und </li><li>ob Lob oder Tadel als angemessen erachtet werden. </li></ul><p class="bodytext">Die Konfiguration dieser letzten drei Differenzen führt dann zur Attribution von Verantwortlichkeit oder zum Freisprechen von Verantwortlichkeit (vgl. Kasper 2012, 2014, 2015). Folgende Attributionsszenarien und vorhergesagte Konstruktionspräferenzen ergeben sich daraus:</p><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(8) </span>Szenario A: Ist der Beobachter selbst der Akteur und sympathisch gegenüber seinen eigenen Zielen eingestellt, führt er seine Leistung auf seine eigenen konstanten Dispositionen zurück, sieht seine Tat als Instanz von intentionalem Handeln an und reklamiert Lob dafür. Er übernimmt daher bereitwillig Verantwortlichkeit für sein Tun.<br />vorhergesagte präferierte Konstruktion: agentiv</p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(9) </span>Szenario B: Ist der Beobachter selbst der Akteur und sympathisch gegenüber seinen eigenen Zielen eingestellt, führt er seine Fehlleistung auf Situationszwänge zurück, sieht seine Tat als Instanz eines Widerfahrnisses/von Verhalten an und als solche, die nicht getadelt werden kann. Er lehnt daher Verantwortlichkeit für sein Tun ab.<br />vorhergesagte präferierte Konstruktion: patientiv</p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(10) </span>Szenario C: Ist der Beobachter jemand anderes als die involvierte Person und sympathisch gegenüber den Zielen der involvierten Person eingestellt, dann führt er ihre Leistung auf konstante Dispositionen der Person zurück, sieht ihre Tat als Instanz von intentionalem Handeln und als solche, die Lob verdient. Der Beobachter attribuiert daher Verantwortlichkeit an die Person.<br />vorhergesagte präferierte Konstruktion: agentiv</p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(11) </span>Szenario D: Ist der Beobachter jemand anderes als die involvierte Person und sympathisch gegenüber den Zielen der involvierten Person eingestellt, dann führt er ihre Fehlleistung auf Situationszwänge zurück, sieht die Tat als Instanz eines Widerfahrnisses/von Verhalten und als solche, die nicht getadelt werden kann. Der Beobachter attribuiert daher keine Verantwortlichkeit an die Person.<br />vorhergesagte präferierte Konstruktion: patientiv</p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(12) </span>Szenario E: Ist der Beobachter jemand anderes als die involvierte Person und antipathisch gegenüber den Zielen der involvierten Person eingestellt, dann führt er ihre Leistung auf Situationsfaktoren zurück, sieht ihre Tat als Instanz eines Widerfahrnisses/von Verhalten und als solche, die nicht gelobt werden kann. Der Beobachter attribuiert daher keine Verantwortlichkeit an die Person.<br />vorhergesagte präferierte Konstruktion: patientiv</p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(13) </span>Szenario F: Ist der Beobachter jemand anderes als die involvierte Person und antipathisch gegenüber den Zielen der involvierten Person eingestellt, dann führt er ihre Fehlleistung auf deren konstante Dispositionen zurück, sieht ihre Tat als Instanz intentionalen Handelns und als solche, die Tadel verdient. Der Beobachter attribuiert daher Verantwortlichkeit an die Person.<br />präferierte Konstruktion: agentiv</p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(14) </span>Szenario G: Ist der Beobachter selbst der Akteur und selbstkritisch/antipathisch gegenüber seinen eigenen Zielen eingestellt, dann führt er Leistungen auf Situationsfaktoren zurück, sieht seine Tat als Instanz eines Widerfahrnisses/von Verhalten und als solche, die kein Lob verdient. Er reklamiert daher keine Verantwortlichkeit für sein Tun.<br />vorhergesagte präferierte Konstruktion: patientiv</p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(15) </span>Szenario H: Ist der Beobachter selbst der Akteur und selbstkritisch/antipathisch gegenüber seinen eigenen Zielen eingestellt, dann führt er Fehlleistungen auf seine konstanten Dispositionen zurück, sieht seine Tat als Instanz von intentionalem Handeln und als solche, die Tadel verdient. Er übernimmt daher Verantwortlichkeit für sein Tun.<br />vorhergesagte präferierte Konstruktion: patientiv</p></div><p class="bodytext">Die Hypothese besagt nun, dass es die in den obigen Attributionsszenarien A bis H genannten Faktoren sind, die zu einer Präferenz für bestimmte Konstruktionen, nämlich die in (3) bis (5) genannten, beitragen. Die Konstruktionen in (6) und (7) sind ebenfalls sprachliche Optionen, aber in Bezug auf Verantwortlichkeitszuschreibung opak (durch Ambiguität bzw. Neutralität). Für eine Überprüfung gilt es, in den entsprechenden Fragen die genannten Faktoren zu variieren.</p>","ergebnisse":"<p class="bodytext">Allgemein bestätigt sich die Erwartung, dass für die Fragen dieses Phänomens keine soziokognitiv induzierte areale Variation zu beobachten ist. Die Sprecher der Dialekte Hessens verhalten sich diesbezüglich homogen.</p><p class="bodytext"> Die zentrale Hypothese zu diesem Phänomen besagt, dass die in den Attributionsszenarien A bis H genannten Faktoren zu bestimmten Präferenzen für die Konstruktionen (3) bis (5) führen. Diesbezüglich ist nun dreierlei zu konstatieren. </p><p class="bodytext">Erstens entsprechen die beobachtbaren Präferenzen für die Szenarien B (E1_25), D (E1_07), F (E2_11, E2_13) und H (E4_35) den Vorhersagen, wenn auch mit unterschiedlicher quantitativer Ausprägung (98% agentive Konstruktionen in E2_11, 66% patientive Konstruktionen in E4_35). Hier ist bemerkenswert, dass es sich dabei um die Szenarien/Fragen handelt, in denen die Ereignisse Fehlleistungen darstellen.&nbsp;</p><p class="bodytext">[[(18) Ergebnisse zu den Attributionsszenarien B und D:: E1_25 E1_07]]</p><p class="bodytext">In den Fragen E1_07 und E1_25 sind ganz im Norden und Nordosten auf den Karten in (18) etwas höhere Anteile agentiver Konstruktionen beobachtbar.&nbsp;Dies ist darauf zurückzuführen, dass die entsprechenden Dialekträume (Westfälisch, Ostfälisch und das nordhessisch-thüringische Übergangsgebiet) an einigen Orten einen Dativ–Akkusativ-Synkretismus aufweisen, die jeweiligen Fragebögen für die Regionen aber jeweils nur entweder den Dativ oder den Akkusativ anbieten konnten. Die Gewährspersonen haben also möglicherweise aus sprachstrukturellen Gründen die agentive Konstruktion gewählt, wenn die patientive Konstruktion eine ungebräuchliche Kasusform angeboten hat, und diese Präferenz (erwartbar) stärker gewichtet als die „weiche“ soziokognitive Präferenz.</p><p class="bodytext">[[(19) Ergebnisse zum Attributionsszenario F (zwei Karten):: E2_11 E2_13]]</p><p class="bodytext">Die in (19) beobachtbare, beinahe kategoriale Präferenz für die agentive Konstruktion in Frage E2_11&nbsp;könnte damit zusammenhängen, dass der lebensweltliche Kontext der Frage in besonders starker Weise Stereotype und Vorurteile aktiviert hat. Ein weiterer Faktor, der nicht die Attributionsmechanismen betrifft, aber mitursächlich für die Dispräferenz der patientiven Variante sein könnte, ist, dass eine Gebrauchsbedingung für diese Konstruktion die mindestens teilweise und temporäre Verfügungsgewalt einer Person (der Junge) über den kritischen Gegenstand (die Autoantenne) sein könnte (vgl. Langacker 2000: 177). Diese Verfügungsgewalt ist im Design des lebensweltlichen Kontextes unberücksichtigt geblieben.</p><p class="bodytext">Auffällig im Kartenbild in (19) zur Frage E2_13 ist eine Häufung patientiver Konstruktionen im westfälischen Dialektraum. Eine mögliche Erklärung dafür ist die Ablehnung der angebotenen Pluralform des Auxiliars <i>haben</i> (&lt;hawwen&gt;), das in den auffälligen Orten im Nordwesten anscheinend korrekt als &lt;hat(t)&gt; zu realisieren ist. Hier wie in anderen Fragen zu diesem Phänomen könnten die entsprechenden Gewährspersonen die Wahl einer soziokognitiv präferierten Variante zugunsten einer anderen, sprachstrukturell präferierten, aber soziokognitiv dispräferierten Variante, aufgegeben haben. Das Kartenbild in (20) entspricht den Vorhersagen.</p><p class="bodytext">[[(20) Ergebnisse zum Attributionsszenario H:: E4_35]] </p><p class="bodytext">Bei einem Blick auf die Ergebnisse zu den Szenarien A (E3_06, E3_17) und C (E3_25) zeigt sich zweitens, dass die theoretische Beziehung zwischen den Szenarien und den syntaktischen Konstruktionen zwar nicht revidiert, aber erweitert werden muss. Bei diesen Szenarien stellen die Ereignisse Leistungen dar und dies eröffnet die Möglichkeit zur Wahl der benefaktiven Konstruktion, während die Vorhersagen nur mit agentiven und patientiven Konstruktionen rechnen. Es sprechen aber gute Gründe dafür, dass sowohl mit agentiven als auch mit benefaktiven Konstruktionen Verantwortlichkeit zugeschrieben wird, aber mit Ersteren sowohl für den Vollzug der Handlung als auch für deren Gelingen, während mit Letzteren das Gelingen nicht gänzlich als in der Hand der involvierten Person liegend begriffen wird. Unter diesen Vorzeichen sagen diese Szenarien die Wahl einer Konstruktion voraus, mit der Verantwortlichkeit zugeschrieben wird, und darunter fallen agentive wie auch benefaktive. Addiert man ihre jeweiligen Anteile entsprechend für die Ergebnisse zu den Szenarien A und C, so lassen sich die Vorhersagen für die jeweils präferierten Konstruktionen (jeweils Verantwortlichkeit zuschreibend) bestätigen (70% bzw. 85% für E3_06 und E3_17 sowie 83% für E3_25). Zur Illustration der infragestehenden Konstruktionen sind in (21) bis (23) eine agentive, eine patientive bzw. eine benefaktive Konstruktion für Aufgabe E3_25 (Szenario C) aufgeführt.</p><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(21)</span><i> Ei, de Kall hot se abgemoacht</i>. (Bad König_Zell_2)</p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(22)</span><i> Ei, dai ess eam Kall oabgange</i>. (Büdingen_Vonhausen_3)</p></div><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(23)</span><i> Dr Karl het se abgekrecht.</i> (Kassel_Kassel_1) </p></div><p class="bodytext">Das heißt, die Vorhersage einer Präferenz für eine Verantwortlichkeit zuschreibende Konstruktion trifft für die genannten Aufgaben zwar zu, aber die theoretischen Annahmen bezüglich der Faktoren, die über die Wahl einer agentiven gegenüber einer benefaktiven Konstruktion entscheiden, bedürfen der Spezifizierung. Die Karten in (24) und (25) zeigen die Ergebnisse für das Attributionsszenario A bzw. C.</p><p class="bodytext">[[(24) Ergebnisse zum Attributionsszenario A (zwei Karten):: E3_06 E3_17]]</p><p class="bodytext">Bei den Fragen E3_06 und E3_17 ergeben sich darüber hinaus Konvergenzen in Bezug auf die Ergebnisse zum Rezipientenpassiv und speziell zur Distribution des Dativpassivs. Dort zeigt sich, dass das Passiv-Auxiliar <i>kriegen</i> im Ostfälischen, d.h. an der Nordspitze des Erhebungsgebiets, kaum gebräuchlich ist. Ähnliches zeigt sich in der Abwesenheit der benefaktiven Konstruktion mit <i>kriegen</i> in diesem Gebiet.&nbsp;</p><p class="bodytext">[[(25) Ergebnisse zum Attributionsszenario C:: E3_25]] </p><p class="bodytext">Szenario G (E4_25) bildet drittens den einzigen Fall, in dem das Attributionsszenario nicht zur vorhergesagten Präferenz für eine syntaktische Konstruktion führt (hier: patientiv; tatsächliche Präferenz: benefaktiv), wie die Karte in (26) zeigt.</p><p class="bodytext">[[(26) Ergebnisse zum Attributionsszenario G:: E4_25]] &nbsp;</p><p class="bodytext">Hier scheint es so zu sein, dass die Gewährspersonen selbst dann, wenn sie selbstkritisch ihren eigenen Fähigkeiten gegenüber sind und das Gelingen der Handlung teilweise auf externe Faktoren zurückführen müssten, für das Gelingen der Handlung Verantwortlichkeit reklamieren. Hier ist zu überlegen, ob das Attributionsszenario entprechend zu modifizieren ist.&nbsp;</p>","erlaeuterung":"<p class="bodytext">Die in den Fragen zu diesem Phänomen angebotenen Varianten entsprechen den Konstruktionen (3) (agentiv: voll verantwortlich) und (4) (patientiv: nicht verantwortlich), bei manchen Fragen zusätzlich auch (5) (benefaktiv: teilverantwortlich). (Letztere Konstruktion ist – außer bei Ironie – nur für Ereignisse akzeptabel, die als Leistung des Verursachers angesehen werden, jedoch nicht bei Fehlleistungen.) Die angebotenen Sätze sind Verbalisierungen prekärer Ereignisse. Mit der Wahl einer Konstruktion verpflichtet sich die Gewährsperson also einer bestimmten sozialen Zuschreibung an den jeweiligen Verursacher. Die Hypothese besagt, dass die Präferenzen der Zuschreibung (teilweise) von den o.g. Faktoren abhängen. Sie mussten daher in die lebensweltlichen Kontexte der einzelnen Fragen eingebaut und zwischen den Fragen variiert werden. Da die jeweiligen Alternativen im ersten Differenzcluster (Akteur–Beobachter-, Leistung–Fehlleistung- und Sympathie–Antipathie-Differenz) den sozialen Zuschreibungsprozess „in Gang setzen“ (als <i>biases</i>, um Stereotype und Vorurteile zu aktivieren), mussten die Kontexte hinsichtlich dieser Differenzen spezifiziert werden, ohne eine soziale Attribution lexikalisch oder syntaktisch bereits vorwegzunehmen. Das Beispiel in (16) zeigt exemplarisch den Kontext von Frage E1_07. Die Informationen zum ersten Differenzencluster sind hier fett gesetzt.</p><div class="indent"><p class="csc-frame-frame1"><span class="grayleft">(16)</span> <b>Sie</b> haben sich von einer Freundin für eine Familienfeier mehrere Gläser geliehen. Durch <b>Willi, Ihren von der Grippe geschwächten Vater</b>, ist bei der Feier eines davon <b>zu Bruch gegangen</b>. Als Sie die Gläser Ihrer Freundin zurückgeben wollen, sagen Sie zu ihr:<br />&nbsp;<br /><span class="grayleft">&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;(a)</span><i>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Der Willi hat…</i><br /><span class="grayleft">&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;(b)</span><i>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Dem Willi ist…</i></p></div><p class="bodytext">Die Gewährsperson ist also in der Rolle des Beobachters, durch die krankheitsbedingte Schwächung und die Verwandtschaftsrelation soll Sympathie (hohe Empathie) ausgelöst werden und zerbrochene Gläser auf der Feier stellen konventionell Fehlleistungen dar. Die in (8) bis (15) genannten Szenarien bestimmen den weiteren Verlauf des Attributionsprozesses über das zweite Differenzencluster bis zur Zuschreibung von oder der Freisprechung von Verantwortlichkeit. Wenn die Zuschreibungsszenarien und die Charakterisierung der Konstruktionen (3) bis (5) adäquat sind, sollte also die präferierte Konstruktion bis zu einem gewissen Grad vorhersagbar sein.</p><p class="bodytext">Aus verschiedenen Gründen sind keine kategorialen Präferenzen über die Gewährspersonen hinweg erwartbar. Zum einen sind die oben genannten soziokognitiven Faktoren sicher nicht exhaustiv, was durch die Komplexität der Sache begründet ist. Die soziokognitiven Präferenzen können überdies als „weiche“ Präferenzen zudem mit „härteren“ Faktoren interferieren, die beispielsweise die dialektale Form der angebotenen Sätze betreffen. Bei einem potentiellen Widerstreit von Zuschreibungs- und Formpräferenzen entscheiden sich Gewährspersonen möglicherweise eher für die „bessere“ Form als für die „bessere“ Zuschreibung. Und während die sprachlichen Präferenzen je nach Frage binäre oder ternäre Unterscheidungen fordern, kann dies für soziokognitive Unterscheidungen nicht angenommen werden. Je nachdem, wie stark die <i>biases </i>der genannten Einflussfaktoren ausfallen, desto größer oder kleiner kann die Schere zwischen präferierter und dispräferierter Konstruktion ausfallen. Die Wahl einer Konstruktion hängt zudem natürlich nicht nur an Fragen der soziokognitiven Faktoren und Vorgaben der Grammatik, sondern Konstruktionen stehen auch in systematischen Verhältnissen zu der zeitlichen, kausalen und räumlichen Konfiguration der Ereignisse, die sie ausdrücken (vgl. Goldberg 1995; Langacker 2008; Croft 1991, 2012; Kasper 2014, 2015), und diese konnten aus inhaltlichen Gründen nicht vollständig konstant gehalten werden. Die beobachtbaren Präferenzen können also auch dort, wo sie den Vorhersagen entsprechen, nicht eindeutig auf die soziokognitiven Faktoren der sozialen Attribution zurückgeführt werden. Dies ist weder mit der indirekten Methode noch mit einer traditionell dialektologisch angelegten direkten Erhebung zu leisten. Zukünftige Studien linguistisch-sozialpsychologischer Prägung müssen hier systematisch die konkurrierenden Faktoren ausschließen. Die folgende Tabelle zeigt, wie die obigen Attributionsszenarien durch die Aufgaben abgedeckt wurden.</p><table summary="Tab. 1: Zuordnung von Attributionsszenarien zu Fragen" class="contenttable"><caption>(17) Zuordnung von Attributionsszenarien zu Fragen</caption><thead><tr><th scope="col">Szenario</th><th scope="col">Frage</th></tr></thead><tbody><tr><td>A</td><td>E3_06</td></tr><tr><td>B</td><td>E1_25</td></tr><tr><td>C</td><td>E3_25</td></tr><tr><td>D</td><td>E1_07</td></tr><tr><td>E</td><td>-</td></tr><tr><td>F</td><td>E2_11, E2_13</td></tr><tr><td>G</td><td>E4_25</td></tr><tr><td>H</td><td>E4_35</td></tr></tbody></table><div class="indent"><div></div></div>","literatur":["<p class="bodytext">Croft, William (1991): Syntactic categories and grammatical relations. The cognitive organization of information. Chicago: University of Chicago Press.</p>","<p class="bodytext">Croft, William (2012): Verbs. Aspect and causal structure. Oxford: Oxford University Press.</p>","<p class="bodytext">Fleischer, Jürg/Simon Kasper/Alexandra N. Lenz (2012): Die Erhebung syntaktischer Phänomene durch die indirekte Methode: Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Forschungsprojekt &quot;Syntax hessischer Dialekte&quot; (SyHD). In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 79/1: 2–42.</p>","<p class="bodytext">Goldberg, Adele (1995): Constructions. A Construction Grammar approach to argument structure. Chicago/London: University of Chicago Press.</p>","<p class="bodytext">Gould, Robert/Harold Sigall (1977): The effects of empathy and outcome on attribution. An examination of the divergent-perspectives hypothesis. In: Journal of Experimental Social Psychology 13: 480–491.</p>","<p class="bodytext">Heine, Bernd (1997): Possession. Cognitive sources, forces, and grammaticalization. Cambridge: Cambridge University Press.</p>","<p class="bodytext">Holisky, Dee Ann (1987): The case of the intransitive subject in Tsova-Tush (Batsbi). In: Lingua 71: 103–32.</p>","<p class="bodytext">Janich, Peter (2001): Logisch-pragmatische Propädeutik. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.</p>","<p class="bodytext">Janich, Peter (2014): Sprache und Methode. Tübingen: Francke.</p>","<p class="bodytext">Jones, Edward E./Robert E. Nisbett (1971): The actor and the observer. Divergent perceptions of the causes of behavior. In: Jones, E. E./D. E. Kanouse/H. E. Kelley/R. E. Nisbett/S. Valins/B. Weiner (Hgg.): Attribution. Perceiving the causes of behavior: 79–94. Morristown, NJ: General Learning Press.</p>","<p class="bodytext">Kahneman, Daniel (2012): Thinking, fast and slow. London: Penguin.</p>","<p class="bodytext">Kasper, Simon (2013): Attributional praxis and linguistic stability. In: Barysevich, Alena/Alexandra D'Arcy/David Heap (Hgg.): Proceedings of Methods XIV. Papers from the Fourteenth International Conference on Methods in Dialectology, 2011. (Bamberg studies in English linguistics 57): 80–89. Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang.</p>","<p class="bodytext">Kasper, Simon (2014): Herleitung einer Instruktionsgrammatik. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik 42/2: 253–306.</p>","<p class="bodytext">Kasper, Simon (2015): Instruction Grammar. From perception via grammar to action. (Trends in Linguistics: Studies and Monographs 293.) Berlin/Boston: De Gruyter.</p>","<p class="bodytext">Kunda, Ziva (1999): Social cognition. Making sense of people. Cambridge/London: MIT Press.</p>","<p class="bodytext">Langacker, Ronald W. (2000): Grammar and conceptualization. Berlin/New York: De Gruyter.</p>","<p class="bodytext">Langacker, Ronald W. (2008): Cognitive Grammar. A first course. Oxford: Oxford University Press.</p>","<p class="bodytext">Lenz, Alexandra N. (2013): Vom &gt;kriegen&lt; und &gt;bekommen&lt;. Kognitiv-semantische, variationslinguistische und sprachgeschichtliche Perspektiven. (Linguistik. Impulse &amp; Tendenzen 53.) Berlin/Boston: De Gruyter.</p>","<p class="bodytext">Luckmann, Thomas (1992): Theorie des sozialen Handelns. (Sammlung Göschen 2108: Grundzüge der Soziologie.) Berlin: De Gruyter.</p>","<p class="bodytext">Moskowitz, Gordon B. (2005): Social cognition. Understanding self and others. London/New York: Guilford Press.</p>","<p class="bodytext">Pettigrew, Thomas F. (1979): The ultimate attribution error: Extending Allport's cognitive analysis of prejudice. In: Personality and Social Psychology Bulletin 5/4: 461–476.</p>","<p class="bodytext">Schütz, Alfred/Thomas Luckmann (2003): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.</p>","<p class="bodytext">Van Valin, Robert D. jr. (2005): Exploring the syntax-semantics interface. Cambridge: MIT Press.</p>","<p class="bodytext">Van Valin, Robert D. jr./Wendy Wilkins (1996): The case for &quot;effector&quot;. Case roles, agents and agency revisited. In: Shibatani, M/S. Thompson (Hgg.): Grammatical constructions: 289–322. Oxford: Oxford University Press.</p>",""],"verteilung":"<p class="bodytext">Sprachliche Variation im Raum ist bei diesem Phänomen nur in phonologischer und lexikalischer Ausprägung (z.B. in der Wahl des lexikalischen Verbs) zu erwarten. Eine sehr allgemeine geographische Verteilung in Abhängigkeit von soziokognitiven Faktoren ist allerdings belegt. Danach gewichten Angehörige nordamerikanischer und europäischer Kulturkreise die Rolle von persönlichen Dispositionen, Angehörige ostasiatischer Kulturkreise jedoch Faktoren der Situation besonders stark (vgl. Kunda 1999: 525–533). In klein(st)räumigen Erhebungen wie der vorliegenden ist daher mit der Abwesenheit von Variation zu rechnen. Das vorliegende Phänomen ist daher auch methodologisch bedeutsam. Sofern die Vorhersagen über die Abwesenheit von Variation zutreffen, demonstriert es, dass die indirekte Methode nicht per se, etwa induziert durch die verschiedenen Dialektalisierungen der Fragebogen, areale Variation erzeugt (vgl. Fleischer/Kasper/Lenz 2011: 25–27).</p>","pdfname":"SyHD-atlas_2017_Agens-Patiens-Shift.pdf"}}