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Auf den ersten Blick: Kuriosa, Archaismen, Redundanzen

Zunächst muten dialektale Phänomene aber meistens seltsam an: Man findet unter ihnen auf den ersten Blick zahlreiche Kuriosa und Archaismen, die man aus der Syntax des Standarddeutschen nicht (mehr) kennt. Zu den kuriosen Erscheinungen gehören etwa, dass das Verb geben anstelle von werden als Kopula verwendet wird (vgl. 1), dass weibliche Personennamen mit einem neutralen Artikel verwendet werden (vgl. 2), oder dass Konjunktionen flektiert werden (vgl. 3); zu den Archaismen dagegen zählen die partitiv-indefinit gebrauchten, ehemaligen Genitivpronomen sein (vgl. 4) und ihrer (vgl. 5), dass das Numerale zwei nach dem Genus flektiert wird (vgl. 6), oder dass ein neutrales Indefinitpronomen bei unbestimmter Referenz verwendet wird (vgl. 7):

Kuriosa aus den SyHD-Daten:

(1) Joa, Joa, ons Kenn gawe emal Lehrer.
Ja, ja, unsere Kinder geben einmal Lehrer
‘Unsere Kinder werden einmal Lehrer.’
(ZHOHOF_11-10_Steinau an der Straße_Hintersteinau_11)

(2) Dos essem Monika sin Rood.
Das ist-dem Monika sein Rad.
‘Das ist der Monika ihr Rad.’
(NHTH_13-17_Hessisch Lichtenau_Velmeden_1)

(3) Ich möggd gewess, obd ihr au Angst vor euerm Schullehrer hodd.
Ich möchte wissen, ob-2.Pl. ihr auch Angst vor eurem Schullehrer habt.
‘Ich möchte wissen, ob ihr auch Angst vor eurem Schullehrer habt.’
(OH_11-11_Flieden_Magdlos_4)

Archaismen aus den SyHD-Daten:

(4) Nee, danke. Ich well kenn Kaffee me. Ich honn noch saen.
Nein, danke. Ich will keinen Kaffee mehr. Ich habe noch sein.
‘Nein, danke. Ich will keinen Kaffee mehr. Ich habe noch welchen.’
(NH_a_8-16_Frankenau_Frankenau_7)

(5) Et jedere de gin gor net en de Kersch
Es gibt-ihrer, die gehen gar nicht in die Kirche
‘Es gibt welche, die gehen gar nicht in die Kirche.’
(MF_R-10_HG_Mendig_Bell_3)

(6) Zwii Bauern/zwo Fraane/zwaa Häiser
zwei-Mask.Pl. Bauern/zwei-Fem.Pl. Frauen/zwei-Neutr.Pl. Häuser
‘zwei Bauern/zwei Frauen/zwei Häuser’
(ZHNH_6-15_Biedenkopf_Engelbach_1)

(7) braucht noch ons e bissl Salz?
braucht noch eines ein bisschen Salz?
‘Braucht noch jemand Salz?’
(RF_b_7-3_Gorxheimertal_Unter-Flockenbach_6)

Generell wird der Dialektsyntax auch nachgesagt, dass sie zu Vereinfachungen neige und daher z.B. Parataxe statt Hypotaxe bevorzuge (Löffler 2003: 113). Auf der anderen Seite gibt es allerdings nicht wenige Phänomene, bei denen man den Eindruck der Redundanz hat, d.h., dass grammatische Merkmale doppelt oder gar mehrfach ausgedrückt werden. Traditionell hat man dies mit dem Streben nach Deutlichkeit und Nachdruck erklärt. So schreibt etwa Weise (1902: 75-76), einer der besten Kenner der Dialektsyntax seiner Zeit:

vor allem aber ist sein Streben auf Deutlichkeit gerichtet. [...] Die Verneinung wird nachdrücklich wiederholt, damit sie recht ins Gewicht fällt. In Angelys Fest der Handwerker erhält ein Geselle auf die Frage ‘Hat keener Schwamm?’ keine Antwort; als er dann aber sagt: ‘Hat den keener keenen Schwamm nich?’ findet er Gehör. [...] Auch die Fügewörter werden oft nachdrücklich verstärkt. Für das bloße indem heißt es indem daß, und desselben Zusatzes erfreuen sich ehe, seitdem, jemehr, damit u.a. Der Wesfall ist bis auf einzelne Reste ausgestorben. Daher hat Goethe wohl daran gethan, daß er die Worte Georgs im Götz: ‘ein braver Reiter und ein rechter Regen mangeln niemals eines Pfades’ 1773 geändert hat in ‘kommen überall durch’. Erst so ist der Ausdruck volkstümlich geworden. Statt des besitzanzeigenden Wesfalls tritt der durch das Fürwort sein oder ihr verstärkte Wemfall ein: dem Vater sein Garten = des Vaters Garten. Diesen Kunstgriff verwendet auch Schiller in Wallensteins Lager, um der Rede volkstümliche Färbung zu geben; denn er läßt den Wachtmeister sagen: ‘Auf der Fortuna ihrem Schiff’ (7,42) und ‘des Teufels sein Angesicht’ (11,79f.). Ähnlich verfahren Goethe, Bürger, Gellert u.a. Dichter.

In SyHD gibt es zahlreiche Phänomene dieser Art: Zu den sog. (und für die Forschung äußerst relevanten) Dopplungsphänomenen (vgl. Barbiers et al. 2008) gehören z.B. der possessive Dativ (vgl. 8), Vergleichskonstruktionen mit als wie (vgl. 9), die doppelte COMP-Besetzung bei Komplement- und Relativsätzen (vgl. 10, 11), die doppelte Negation (vgl. 12) sowie die Artikelsetzung bei Rufnamen (vgl. 13):

(8) enßen Borjemeister sinne Tochter
unsern Bürgermeister seine Tochter
‘die Tochter unseres Bürgermeisters’
(NH_b_10-17_Fritzlar_Lohne_5)

(9) De Susanne konn besser gekoch, als bee mei Tante
Die Susanne kann besser gekochen als wie meine Tante
‘Susanne kann besser kochen als meine Tante’
(OH_11-11_Neuhof_Hauswurz_2)

(10)  Me gleebt je haut na mi, met wäi wink dess mer fräer ze friere woar.
  Man glaubt ja heute nicht mehr, mit wie wenig dass man früher zufrieden war
  ‘Man glaubt ja heute nicht mehr, mit wie wenig man früher zufrieden war’
  (ZHNH_8-14_Kirchhain_Anzefahr_2)

(11)  s Geld, des wou ich vedien, is moi.
  Das Geld, das wo ich verdiene, ist mein
  ‘Das Geld, das ich verdiene, gehört mir’
  (RF_a_9-5_Bad König_Zell_3)

(12)  früher hat do dafür kens kei geld gehot.
  Früher hat da dafür keines kein Geld gehabt
  ‘Früher hatte dafür keiner Geld’
  (OH_14-11_Ehrenberg_Wüstensachsen_2)

(13)  Ower de Franz hotts Maria doch lejb.
  Aber der Franz hat-das Maria doch lieb
  ‘Aber Franz Maria doch lieb’
  (ZHMF_b_4-13_Breitscheid_Erdbach_2)